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Tschechien - Prag - Aktuell

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Artikel: Reise Blick
Blick hinter die Kulissen der Moldaustadt

Das Insider-Lexikon Prag

ruh. Kafka und Mozart, verwinkelte Altstadtgassen und prächtige
Barockpaläste, Knödel, Bier und böhmisches Glas: Das sind die Markenzeichen
Prags, die seit einigen Jahren mit unverminderter Anziehungskraft Besucher
aus aller Welt in die tschechische Hauptstadt locken. Längst sind sie
deshalb zu kommerziellen Klischees geworden und begleiten die Scharen von
Touristen auf ihrem Weg von der Prager Burg über die Karlsbrücke in die
Altstadt und zum Wenzelsplatz.
Dass dies nicht das richtige Prag sein kann, bestenfalls ein Teil davon,
wird dabei zwar manchem Besucher klar. Doch wer das Gesicht der Stadt
ausserhalb der (prachtvollen) Kulissen sucht, dem macht es Prag nicht
leicht, vorab durch die tschechische Sprache, die mit unaussprechlichen
Konsonantenknäueln und wunderlichen Häkchen und Strichlein Erkundungen
abseits der Touristenpfade erschwert.
Ein neues Büchlein will hier Abhilfe schaffen: Christoph Bartmanns Insider-
Lexikon deklariert sich als Leitfaden für all diejenigen, die sich mit den
Versatzstücken der neuen Prag-Euphorie nicht zufriedengeben wollen und am
tschechischen Alltag interessiert sind.
In 66 Stichworten, von A bis Z geordnet, geht der seit 1991 an der Moldau
lebende Autor mit viel Witz und Sachkenntnis den Besonderheiten der Stadt
nach, schildert Eigentümlichkeiten und tschechische Alltagsrituale, die sich
der Wahrnehmung der Tagestouristen entziehen. So führt er etwa den Leser am
McDonald’s vorbei in ein Feinkostbuffet der Innenstadt, wo die
traditionellen belegten Brötchen als bevorzugter Schnellimbiss während des
Einkaufsbummels oder der Mittagspause dem Hamburger-Zeitgeist widerstanden
haben, in eine der Blocksiedlungen aus Fertigelementen am Stadtrand, die für
die meisten Stadtbewohner das realere Prag darstellen als die Pracht des
Altstädter Rings, oder auch in einen Trödlerladen, der neben den
zahlreichen, auf die Touristen wartenden Antiquitätengeschäften seinen Namen
noch verdient.
Eine Fahrt in der Prager Untergrundbahn wird zu einem Ausflug in
Landeskunde und jüngere Geschichte, und auf dem Streifzug durch das Lexikon
begegnen wir den neuen Städtern: Aufsteigern und Yuppies, Neureichen der
alten Nomenklatur, jungen Amerikanern, die im Prag der 90er Jahre dem Geist
der Sezession nachspüren oder Zeitungen herausgeben, Waschsalons, Pizzerien
und Szenen-Cafés betreiben; bisweilen aber auch den alten Pragern, die am
Vorabend mit dem Tonkrug in die Vorstadtbeiz schlurfen, um Bier zu holen,
oder enttäuschten Dissidenten, auf die inzwischen niemand mehr hören will.
Das Insider-Lexikon ist kein Reiseführer, will auch kein Reiseführer sein.
Trotzdem würde es der eine oder andere Leser gewiss begrüssen, wenn die
praktischen Informationen und Adressen zum Text (und vielleicht noch einige
darüber hinaus, denn der Autor kennt die Stadt gut) nicht nach den einzelnen
Stichworten angeführt, sondern in einem separaten Teil zusammengefasst
wären. Schade auch, dass die Auswahl von Bierwirtschaften und Restaurants
enttäuschend unoriginell ausfällt und zur grossen Mehrheit Etablissements im
Zentrum umfasst, wo eher Touristen und Angehörige der Prager
Ausländergemeinde verkehren, nicht aber die Einheimischen, die Bartmann in
seinem Lexikon sonst so trefflich beschreibt. Trotz diesem kleinen
Vorbehalt sei die vergnügliche Lektüre des handlichen Taschenbuches
indessen allen, die Prag und den Pragern auf die Spur kommen wollen,
wärmstens empfohlen.

Christoph Bartmann: Prag. Das Insider-Lexikon. 180 Seiten. Paperback.
Becksche Reihe, Bd. 1050. Beck, München, 1994.


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